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Corriedale – eine Faser, die bleibt

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Corriedale ist meine absolute Lieblingsfaser. Und das nicht erst seit Kurzem. Nach nun bald fünfzehn Jahren am Spinnrad greife ich immer wieder ganz selbstverständlich zu ihr zurück. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung. Corriedale ist eine dieser Fasern, die nie langweilig wird, weil sie einfach unglaublich vielseitig ist.

Egal, ob ich ein feines, luftiges Garn oder etwas Kräftigeres spinnen möchte – Corriedale macht alles mit. Sie lässt sich wunderbar kontrollieren, läuft fast von selbst ins Rad und verzeiht dabei erstaunlich viel. Das entstehende Garn hat einen etwas festeren Griff, bringt aber genau dadurch Stand und Stabilität mit. Gleichzeitig überrascht Corriedale immer wieder mit ihrer Weichheit. Sie trägt sich angenehm auf der Haut und wirkt nie hart oder grob. Für mich ist das genau diese seltene Kombination aus Verlässlichkeit und Komfort.

Herkunft:

Bevor wir tiefer in die Verarbeitung einsteigen, lohnt sich ein Blick auf die Herkunft dieser besonderen Faser. Corriedale ist der Name einer Schafrasse. Ihren Ursprung hat sie in Neuseeland, wo sie in den 1880er-Jahren gezielt gezüchtet wurde. Ähnliche Zuchtprogramme folgten kurz darauf in Australien. Ziel war es, ein Schaf zu entwickeln, das auch unter schwierigeren Bedingungen leistungsfähig ist. Zu dieser Zeit dominierten Merino- und Romney-Schafe die Region, sie lieferten zwar hochwertige Wolle, waren aber stark auf nährstoffreiche, saftige Weiden angewiesen.

Bild von Corriedale Schafen By Corriedale_sheep_MT.JPG: Bob Nicholsderivative work: Coycan (talk) - Corriedale_sheep_MT.JPG, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11217471

Eine zentrale Rolle in der Entstehung der Corriedale spielte James Little von der Farm Corriedale – hier liegt auch der Namensursprung der Rasse. Er kreuzte Lincoln-Schafe, vermutlich ergänzt durch Leicester-Anteile, mit seinen Merinos, bis sich eine stabile, gleichmäßige Herde entwickelte. Das Ergebnis war ein robustes, anpassungsfähiges Schaf mit einer vielseitigen, ausgewogenen Wolle. 1914 wurden Corriedales erstmals in die USA importiert und verbreiteten sich von dort weiter.

Corriedale – eine ausgewogene Faser mit tollen Eigenschaften:

Die Faser selbst bringt ideale Voraussetzungen für unterschiedlichste Anwendungen mit. Die Stapellängen liegen etwa zwischen 7,5 und 15 Zentimetern, die Faserdicke variiert – je nach Herkunft, Haltung und Alter der Tiere – meist zwischen 25 und 33 Micron. Farblich reicht das Spektrum von Weiß über Grau bis hin zu Schwarz sowie von Beige bis Braun. Corriedale filzt gut, was sie auch für Filzarbeiten interessant macht.

Die von mir verwendeten Qualitäten liegen im Bereich von etwa 25 bis 30 Micron – eine mittelweiche Faser, die stabil ist, aber dennoch problemlos in Hautnähe getragen werden kann.
Was Corriedale so beliebt macht, ist genau diese Ausgewogenheit. Die Faser ist mittelweich, leicht zu spinnen, gut zu stricken und ebenso fürs Weben geeignet. Die Stapel sind relativ lang und haben sich einen leichten, dezenten Glanz aus der Lincoln-Abstammung bewahrt. Die Locken sind klar definiert, der Crimp gleichmäßig. Das sorgt für Elastizität, Volumen und ein lebendiges Maschenbild, ohne dass die Faser ein Projekt dominiert. Im Vergleich zu sehr starren Longwool-Fasern wie Wensleydale oder Teeswater bringt Corriedale Struktur, ohne steif zu wirken.

Gerade im Vergleich zu Merino wird deutlich, wo ihre Stärken liegen. Merino ist in der Regel deutlich feiner, meist im Bereich von 17 bis 22 Micron. Diese extreme Feinheit sorgt für große Weichheit, bringt aber auch Empfindlichkeit mit sich. Merinofasern sind stark gekräuselt, pillen schneller und verlieren bei intensiver Nutzung eher ihre Form. Corriedale liegt mit etwa 25 bis 30 Micron darüber, besitzt einen gleichmäßigeren Crimp und ergibt dadurch einen stabileren Faden. In der Praxis bedeutet das: Corriedale hält Struktur, Bündchen und Maschenbild deutlich länger. Merino steht für Luxus und maximale Weichheit, Corriedale für Alltagstauglichkeit und Haltbarkeit – und gute Corriedale-Qualität ist dabei keineswegs kratzig, sondern sehr hautfreundlich.

Nicht umsonst wird Corriedale oft als „Balanced Wool“ bezeichnet. Sie vereint Weichheit, Elastizität und Strapazierfähigkeit, ohne in einen Extrembereich zu gehen. Genau darin liegt ihr großer Vorteil. Es gibt weniger Schwachstellen, weniger Überraschungen – und damit ein sehr planbares Ergebnis, egal ob beim Spinnen, Stricken oder später beim Tragen.

Beim Spinnen:
An Spinnrad oder Spindel zeigt Corriedale dann seine ganze Stärke. Die Fasern gleiten leicht aneinander vorbei, er flutscht nur so ins Rad. Sowohl feine als auch kräftige Garne lassen sich problemlos herstellen. Nach dem Waschen öffnen sich die Fasern noch einmal, das Garn wird fluffiger, ohne an Stabilität zu verlieren. Für mich ist das eine der dankbarsten Fasern überhaupt. Gerade, wenn ich an meine Anfänge zurück denke.

Beim Stricken:
Auch beim Stricken zeigt sich die Vielseitigkeit der Faser. Von feinen Lace-Projekten bis hin zu Decken ist alles möglich. Besonders gern setze ich Corriedale für Pullover und Strickjacken ein – also für Stücke, die regelmäßig getragen werden und etwas mehr aushalten sollen – Lieblingsteile halt. Sie behalten ihre Form, fühlen sich angenehm an und altern sichtbar schöner als viele sehr feine Qualitäten.

Ein Thema, das dabei immer wieder aufkommt, ist Pilling. Pilling entsteht vor allem durch sehr kurze, sehr feine Fasern und durch starke Reibung. Corriedale pillt deutlich weniger als Merino, und wenn sich Knötchen bilden, lösen sie sich meist schneller wieder ab. Kein Garn ist vollkommen pillfrei, aber Corriedale ist realistisch betrachtet deutlich pflegeleichter im Vergleich zu Merino.

Damit passt sie auch hervorragend in den aktuellen Zeitgeist. Immer mehr Menschen wünschen sich langlebige Lieblingsstücke statt kurzlebiger Mode. Nachhaltigkeit bedeutet hier nicht nur Materialwahl, sondern auch Nutzungsdauer. Corriedale steht genau für diesen Gedanken: robust, ehrlich und dafür gemacht, getragen zu werden.


Corriedale bei Frau Wöllfchen:

Fasern:
In meinem Sortiment findest du Corriedale in unterschiedlichen Varianten. Als reine Faser, als Mischung mit Tussahseide im Verhältnis 67/33 sowie als Corriedale-Rose-Mischung im Verhältnis 75/25, die künftig durch Tencel ersetzt wird, da es umweltschonender hergestellt wird, ohne die Eigenschaften der Fasermischung zu verändern.

Garne:
Bei den Garnen gibt es zum einen das Corriedale Sport, ein zweifädiges Garn mit 360 Metern auf 100 Gramm. Durch den eher flachen 2-fach Zwirn entsteht ein sehr gleichmäßiges Strickbild, das sich besonders für Lacearbeiten und mehrfarbiges Stricken eignet. Die Fäden legen sich zu einer schönen, ebenen Fläche, sodass Muster klar zur Geltung kommen. Für stark strukturierte Muster wie Zöpfe ist es weniger geeignet, da diese bei flachen Garnen schlicht nicht heraus kommen.

Garn in einem semisoliden honigsenfgelb
Corriedale Sport in „Charon“
Garn in einem semisoliden dunklen blau
Corriedale Sport in „Mitternacht“
CorrSport in einem kräftigen altrosa
Corriedale Sport in „Banshee“

Zum anderen gibt es CorRos DK beziehungsweise CorTen DK als Nachfolger. Dieses dreifädige Garn mit 230 Metern auf 100 Gramm kombiniert Corriedale mit Rosenfaser (bzw. Tencel® ) im Verhältnis 67/33. Corriedale bringt Griffigkeit und Stand, die Zusatzfaser sorgt für einen feinen Glanz und eine dezente zusätzliche Weichheit. Es ist ein stabiles, geschmeidiges Garn für Pullover, Cardigans, Tücher und Schals – ein echter Allrounder, der sowohl für Strukturmuster als auch für ebenes Gestrick, wie bei mehrfarbigem Stricken, wunderbar funktioniert.

Garn in einem leicht melierten blauviolett mit beere
CorRos DK in „Sirene“
Garn in einem leicht melierten hellen blaugrün
CorRos DK in „Patina“
Garn in einem leicht melierten strahlenden Rot
CorRos DK in „Strigoi“

Corriedale ist keine Faser für den schnellen Effekt. Sie ist eine Faser für Stücke, die bleiben und deshalb liebe ich sie sehr.

Dein Fibernerd,
Heike


Zugrunde liegende Literatur:
Deborah Robson, Carol Ekarius; 2011; The Fleece & Fiber Sourcebook, Storey Publishing, North Adams Massachusetts