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Polwarth – eine feine Alternative zu Merino

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Wenn du feine Wolle liebst, aber bewusst nicht ausschließlich zu Merino greifen möchtest, lohnt sich ein genauer Blick auf Polwarth. Diese Rasse wurde im Südwesten Australiens im Bundesstaat Victoria entwickelt und nach einem Landkreis dieser Region benannt. Von dort aus hat sie sich vor allem in Australien und Neuseeland verbreitet, außerdem in Südamerika – dort unter dem Namen „Ideals“ – sowie auf den Falklandinseln.

Polwarth entstand aus der gezielten Kreuzung von Merino- und Lincoln-Schafen. Ziel dieser Zucht war es, den Fleischertrag zu verbessern, ohne dabei die Feinheit und Qualität der Vliese einzubüßen. Merinos liefern sehr feine Fasern, sind jedoch ursprünglich weniger auf Fleischleistung gezüchtet. Lincoln-Schafe bringen mehr Körpermasse und damit bessere Schlachterträge mit, verfügen jedoch über gröbere Wolle. Durch die Kombination entstand eine Rasse mit wirtschaftlich besserer Fleischleistung – bei gleichzeitig gleichbleibend feinen, hochwertigen Fasern im Bereich von 22–23 Micron.

Mit einer Stapellänge von etwa 80 mm verbindet Polwarth Feinheit mit spürbarer Fasersubstanz. Genau diese Balance macht die Qualität so interessant.


Mehr Faserlänge, weniger Pilling

Pilling entsteht durch Reibung. Feine Fasern lösen sich aus dem Garn, wandern an die Oberfläche und verhaken sich durch ihre natürliche Schuppenstruktur zu kleinen Knötchen. Besonders betroffen sind sehr feine, kurzstapelige Wollqualitäten.

Hier spielt Polwarth seinen Vorteil aus: Die längere Stapellänge reduziert die Anzahl freier Faserenden an der Oberfläche. Weniger lose Enden bedeuten weniger Ansatzpunkte für Pilling. Auch eine gute Zwirnung stabilisiert zusätzlich. Ganz vermeiden lässt sich Pilling bei feiner Wolle nicht, aber Polwarth zeigt im Alltag deutlich weniger Pilling als viele sehr feine Merinos.


Hautfreundlich, weich – mit wunderschönem Fall

Polwarth trägt sich ausgesprochen angenehm direkt auf der Haut. Die Faser ist weich, ohne instabil zu wirken, und besitzt einen natürlichen Stand. Besonders nach dem Waschen entfaltet sie ihren Charakter: Gesponnene Garne legen im Entspannungsbad sichtbar an Volumen zu, fluffen auf und werden runder.

Was ich besonders schätze: Garne aus Polwarth haben – ähnlich wie Merino – einen wunderschönen Fall (Drape). Sie bringen Bewegung ins Gestrick, ohne schwer zu wirken. Für körpernahe Kleidung, Tücher oder leichte Pullover ist das ideal.

Für mich ist Polwarth deshalb eine großartige Alternative, wenn man nicht auf Feinheit verzichten möchte, aber durchaus auf die Nutzung von Merinofasern. Es muss nicht immer nur Merino sein. Es gibt Qualitäten, die genauso weich fallen, genauso hautfreundlich sind – und dabei ihren eigenen Charakter mitbringen.

Ein weiterer Punkt, der für viele eine Rolle spielt: Polwarth hat keinen Zusammenhang mit Mulesing. Wer bewusst auswählt, findet hier eine stimmige Option.


Spinnen mit Polwarth

Polwarth ist weich, aber nicht instabil. Die Stapellänge von rund 80 mm sorgt für gute Kontrolle beim Spinnen. Die Faser ist daher besonders geeignet für ambitionierte Anfänger, die bereits ein Gefühl für Faserführung und Drall entwickelt haben. Für absolute Einsteiger kann sie durch ihre Feinheit etwas anspruchsvoller sein.

Charakteristisch ist das Verhalten nach dem Waschen: Polwarth flufft stark auf. Gesponnene Garne gewinnen im Entspannungsbad deutlich an Volumen. Das Garn wirkt runder, weicher und geschlossener. Dieser Effekt sollte bei der Planung von Garnstärke und Zwirnung berücksichtigt werden.


Filzfreude, Superwash und Umweltaspekte

Wie jede unbehandelte feine Wolle, filzt auch Polwarth gerne. Die Ursache liegt in der Schuppenstruktur (auf dem Bild die Schuppenschicht – Cuticula) der Fasern. Bei Feuchtigkeit, Wärme und Bewegung spreizen sich diese Schuppen auf und verhaken sich dauerhaft miteinander – es entsteht Filz.

Aufbau von Proteinfasern ©Heike Diehl

Um das zu verhindern, werden viele feine Garne einer Superwash-Behandlung unterzogen. Dabei wird die Schuppenstruktur technisch verändert, sodass sie sich nicht mehr verhaken kann. Hier werden drei Verfahren genutzt:

Additive Verfahren umhüllen die Faser mit einem dünnen Polymerfilm. Die Oberfläche wird glatter, das Filzen verhindert – allerdings verändert sich dadurch der natürliche Griff, und die Farbaufnahme kann beeinflusst werden, sodass dieses Verfahren nur an schon gefärbten Garnen Verwendung findet.

Subtraktive Verfahren entfernen die Schuppenschicht teilweise bis ganz, sodass die Faserstruktur angegriffen werden kann. Traditionell wird hier meist Chlor verwendet. Problematisch ist hierbei weniger das Chlor auf der fertigen Faser – es ist nach dem Prozess nicht mehr vorhanden –, sondern die Entstehung von organischen Chlorverbindungen. Diese gelten als umweltrelevant und sind ökologisch belastend, sodass reine subtraktive Verfahren weitestgehend vermieden werden.

Moderne kombinierte Verfahren, etwa das Hercosett-Verfahren, verbinden eine milde Chlorierung mit einer sehr dünnen Polymerbeschichtung. Dadurch wird die eingesetzte Chlor-Menge reduziert und die Bildung organischer Chlorverbindungen verringert. Gleichzeitig verbessern sich Eigenschaften wie Festigkeit, Dehnung und Scheuerverhalten, Feuchtigkeitsausgleich und Luftzirkulation werden nicht beeinträchtigt.

Ich persönlich arbeite sehr gern mit unbehandelter Wolle, weil sie sich ursprünglicher anfühlt und Farbe besonders harmonisch annimmt. Bei meinem Polwarth-Garn gehe ich dennoch bewusst einen Kompromiss ein. Die Superwash-Behandlung macht das Garn alltagstauglicher und leichter zu pflegen. Für viele bedeutet das weniger Hemmschwelle im Gebrauch – und genau darum geht es am Ende: dass das Garn (und die daraus gefertigten Stücke) nicht im Schrank liegt, sondern getragen wird.


Polwarth und Merino im Vergleich

MerkmalPolwarthMerino
Feinheit22–23 Micron11,5–25 Micron
Stapellängeca. 8 cm5–12,5 cm (je nach Herkunft)
Griffweich, mit Substanzsehr weich, stark elastisch
Pillingmoderatstärker ausgeprägt
StabilitäthöherGeringer, leiert gerne etwas aus beim Tragen

Merino überzeugt durch extreme Feinheit und Elastizität. Polwarth bietet eine ausgewogene Alternative: längere Fasern, etwas mehr Stabilität, weniger Pilling – und dennoch einen weichen, fließenden Fall.


Polwarth bei Frau Wöllfchen:

Fasern:
Polwarth findest Du bei mir als reine Schurwollfasern, aber auch als Mischungen, wie:
PolSeaTen (Polwarth mit Tencel und Seacell)
PolTen (Polwarth mit Tencel)

Der Bestand im Shop wechselt.

Garn:
Mein Polwarth SW ist ein 4-fädig gezwirntes Garn aus 100 % Schurwolle (Polwarth, superwash), 100 g pro Strang mit einer Lauflänge von ca. 400 m. Es ist herrlich weich, zeigt eine runde, gleichmäßige Struktur und bringt Farben intensiv zum Leuchten. Zopf- und Strukturmuster treten klar hervor, das Maschenbild bleibt ruhig und definiert – ideal für Tücher, Pullover oder Strickjacken, die direkt auf der Haut getragen werden.

Garn in einem semisoliden grau mit rostrotenund braunen Speckles
Polwarth sw in der Farbe
„Rusty Steel“
Garn in einem semisoliden dunklen pflaume
Polwarth sw in der Farbe „Empusa“
Garn in einem semisoliden moosgrün
Polwarth sw in der Farbe „Huldra“

Fazit

Polwarth verbindet Feinheit, Tragkomfort und Substanz auf eine sehr harmonische Weise. Es ist eine Faser für alle, die Wert auf Hautfreundlichkeit und schönen Fall legen, aber bewusst Alternativen zu Merino suchen.

Für mich ist klar: Es muss nicht immer nur Merino sein. Polwarth zeigt, dass feine Wolle auch anders gedacht werden kann – weich, beweglich und mit eigenem Charakter.


Zugrunde liegende Literatur:
Deborah Robson, Carol Ekarius; 2011; The Fleece & Fiber Sourcebook, Storey Publishing, North Adams Massachusetts

Alfons Hofer; 1999; Stoffe 1, Deutscher Fachverlag