100g Fasern, wie viel Garn bekomme ich nun daraus?

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handgesponnenes Garn in grün und braun

Diese Frage bekomme ich wirklich sehr oft zu hören. Tatsächlich ist das eine nicht ganz so einfache Frage. Es gibt eine sehr simple Antwort und eine ausführlichere. Beide möchte ich euch im Folgenden geben.

Die einfache Antwort:

Schauen wir uns einmal in einem Wollladen um. Dort finden wir die unterschiedlichsten Garne. Wenn wir sie miteinander vergleichen, dann merken wir schnell, dass die Lauflänge sich stark unterscheidet, nur das Gewicht nicht. Also kann man aus 100 g Fasern eine große Bandbreite an Garnstärken herstellen, von sehr dünnen Lace-Garnen bis hin zu sehr dicken Garnen in Bulky. Je nach dem, wie geübt der Spinner ist.

Die ausführliche Antwort:

Aber liegt es nur an der Übung, wie dick oder dünn ein Garn wird und von was hängt die Lauflänge ab? Jetzt kommen wir zu dem ausführlicheren Teil, in dem ich euch versuche zu erklären, welche Faktoren sich hinter dem Thema Läuflänge verstecken.

Die Faserart:

Wie ich schon bei dem Text zur perfekten Sockenwolle geschrieben habe, gibt es sehr viele unterschiedliche Schafrassen und andere Fasern. Nicht jede Faser lässt sich gleich dünn ausspinnen. Die gröberen Fasern wollen meist etwas dicker mit weniger Drall gesponnen werden, um ein schönes Garn zu bekommen.
Allgemein kann man sagen, je feiner die Faser, also je weniger Micron eine Faser hat, desto dünner lässt sie sich ausspinnen. Es hat also seinen Grund, dass Lace-Garne ganz oft Merino und Seide als Grundfasern haben.

Dann gibt es Rassen wie z.B. Rambouillet, ein Verwandter der Merino-Schafe, dessen mittelfeine Fasern haben etwas weniger Glanz, aber dafür mehr Crimp als die von Merino-Schafen. Beim Entspannungsbad nach dem Zwirnen flufft das Garn unglaublich auf und büßt dadurch an Lauflänge ein. Der Grund dafür ist relativ einfach: Beim Spinnen der Fasern arbeiten wir gegen deren natürlichen Crimp. Wenn wir das Garn nun in heißes Wasser geben, bildet sich die natürliche Struktur der Faser innerhalb des Garns zurück, sodass sich das Garn noch einmal stark verändern kann, z.B. auffluffen wie in unserem Beispiel.

BFL und Wensleydale Fasern

Dieser Effekt tritt häufig bei Fasern mit hohem Crimp auf, der dafür sorgt, dass einfach mehr Luft im Garn eingeschlossen wird. Crimp umschreibt im Übrigen die „Wellen“, die man bei den Fasern sehen kann (am Besten bei Rohwolle). Diese sorgen für die Elastizität der Fasern!

Links sieht man zwei Fasern im Vergleich. Einmal BFL mit relativ dichtem Crimp und Wensleydale mit einem schönen definierten Crimp, der aber nicht so dicht ist wie bei dem BFL.


Die Vorbereitung und das Verspinnen der Fasern:

Wie ich meine Fasern vorbereite und danach verspinne, hat einen großen Einfluss darauf, wie die Lauflänge des fertigen Garns wird.

Wenn ich einen Kammzug als Ausgangspunkt zum Spinnen wähle, sind die Fasern alle parallel ausgerichtet, die Lufteinschlüsse sind minimal. Wenn ich diese Vorbereitung also jetzt klassisch im kurzen Auszug verspinne, d.h. ich bestimme die Dicke des Fadens, in dem ich die Anzahl der Fäden mit den Fingern kontrolliere und noch durch abhalten des Dralls mit den Fingern davon abhalte weiter in den Faservorrat zu kommen. So bekomme ich einen schönen, glatten Faden, der nach dem Entspannungsbad sein Erscheinungsbild nicht viel verändern wird.

Wähle ich nun als Ausgangsprodukt Rolags, gerade wenn sie von Handkarden nur locker abgerollt werden, dann habe ich eine Form der Vorbereitung, in der die Fasern alle ungeordnet vorliegen und sehr viel Lufteinschlüsse vorhanden sind. Klassisch werden diese im langen Auszug gesponnen, man gibt den Drall in den Rolag und beeinflusst die Fadendicke nur durch den Drall, der in das Rolag läuft und wie stark man den Faservorrat nach hinten zieht. Das heißt nun, dass die Fasern ungeordnet im Faden vorliegen und auch die Luft noch mit eingeschlossen ist. Beim Entspannungsbad wird das fertige Garn noch einmal auffluffen.

Wenn ich nun zwei gleich dicke Garne aus dem selben Material in diesen beiden Varianten spinne, so kann man feststellen, dass bei der selben Menge an Fasern das Garn, welches im langen Auszug gesponnen wurde eine längere Lauflänge besitzt. Woran liegt das nun?
Ich habe weiter oben aufgeführt, dass beim kurzen Auszug die Fasern parallel zusammen liegen und beim langen Auszug nicht. Ich habe also viel mehr Fasern beim kurzen Auszug in dem selben Stück Garn als in dem mit dem Langen, sodass sich die Lauflänge der Garne stark unterscheiden kann.

Die Menge an Drall:

Auch der Drall spielt eine große Rolle für die Lauflänge. Je mehr Drall ich in den Faden gebe, sei es beim Spinnen oder Zwirnen, desto kürzer wird der Faden/das Garn, da die einzelnen Fasern viel stärker komprimiert werden. Das gleiche Prinzip kennen wir vom Kordeldrehen früher. Aber je mehr Drall ich in den Faden gebe, desto fester wird das fertige Garn werden.

Das Verzwirnen:
Zwirnen kann man auf ganz unterschiedliche Weise. Ich kann mit dem Drall arbeiten, wie im vorherigen Absatz beschrieben, aber ich kann auch mit der Anzahl der zu zwirnenden Fäden die Läuflänge ändern. Wenn ich meine 100g Fasern in 2 Fäden versponnen habe und dann miteinander verzwirne, dann bekomme ich ein längeres Garn, als wenn ich 3 oder mehr Fäden miteinander verzwirne.

Ich könnte auch ein kommerziell gesponnenes Garn dazu nehmen. Je nach dem, wie dick dieses ist fällt es mehr oder weniger ins Gewicht. Nehmen wir z.B. Nähgarn, so ist dieses so dünn und leicht, dass das fertige Garn nicht wirklich schwerer ist als die 100g Fasern, die wir versponnen hatten, aber dafür haben wir die Lauflänge erheblich verlängert.

Ihr sehr also, dass die Frage, wie viel Lauflänge man aus 100g Fasern bekommt ziemlich komplex sein kann. Es kommt ganz darauf an, wie ihr spinnt!

Zum Weiterlesen:
Es gibt unglaublich viel Literatur im englischsprachigen Raum, leider weniger im deutschen.
Wenn ihr euch weiter belesen möchtet, kommt ihr leider eher weniger um die englische Sprache herum.

„Spinning Wool – Beyond the Basics“ von Anne Field
Ein sehr informatives Buch, das unglaublich viel Wissen enthält. Allerdings ist es sehr technisch geschrieben. Das ist nicht für jederman.

PLY Magazine
Ein unglaublich tolles Magazin, das von vielen bekannten „Spinnern“ geschrieben wird. Jede Ausgabe widmet sich einem Themengebiet. Zum Weiterlesen bieten sich z.B. folgende Ausgaben an: Woolen, Worsted, Twist