Das Entspannungsbad

  • von
frisch gesponnenes Garn und ein Eimer mit warmem Wasser

Entspannungsbad – Wellness für Garne oder was?

Da hat man tagelang an einem Faden gesponnen und gezwirnt, man haspelt das fertige Garn und unterzieht es einem Entspannungsbad. Was das nun ist, warum das Garn selbiges benötigt und was dabei schief gehen kann, darum soll es in meinem heutigen Beitrag gehen.

Entspannungsbad, muss das sein?

Die Fasern haben von Natur aus eine mehr oder weiger ausgeprägte Lockung, den Crimp. Beim Spinnen verändern wir den natürlichen Verlauf der Faser, indem wir die Fasern miteinander verdrehen und so einen Faden bilden. Wir zwingen also der Faser eine Bewegung auf, die sie so in der Natur nicht hätte.

Gerade wenn wir den frisch gesponnen Single mit sich selbst verdrehen lassen, ist der Drang sich wieder zurückzudrehen sehr offensichtlich. Wenn wir den Single ein paar Tage auf der Spule oder der Spindel ruhen lassen und dann versuchen den Faden mit sich selbst zu verdrehen, merken wir, dass der Drall nicht mehr so ausgeprägt ist wie bei dem frisch gesponnen Faden. Der Drall ist „eingeschlafen“.

Wenn wir zwirnen, versuchen wir ein ausgeglichenes Garn herzustellen. Gerade wenn wir versuchen das Gezwirnte mit sich selbst zu verdehen, also ein „ply-back“ machen, sollte das fertige Garn sich nicht bis nur leicht wieder mit sich selbst verdrehen, zumindest in der Theorie.

Je nach dem, wie wir das fertige Garn bevorzugen, kann man hier noch ein bisschen spielen. Ich persönlich mag meine Garne mit ein bisschen mehr Zwirndrall. Der Grund ist einfach , denn das fertige Garn wird etwas runder und stabiler. Außerdem verliert das Garn oft noch ein bisschen Drall durch das Entspannungsbad.

Jetzt sind wir beim Kern der Sache… Was macht eigentlich dieses Entspannungsbad?

Das Entspannungsbad sorgt dafür, dass sich der, durch uns, ins Garn gegebene Drall im fertigen Garn verteilen kann. Wenn ich zu wenig Drall beim Zwirnen ins Garn gegeben habe, dann sieht das Garn vor dem Bad evtl. ausgeglichen aus. Aber nach dem Entspannungbad kann es sein, dass ein sehr locker gezwirntes Garn herauskommt.

Wenn ich zu viel Drall in meinem Garn habe, dann merkt man schon, wenn man es von der Haspel nimmt, dass es sich überall verdrillt und eher wie eine lose Sammlung an Telefonhörer-Kabeln oder wie die berühmte „Wollkotze“ aussieht, als ein Garn. Nach einem Bad kann dieses Garn weiterhin so aussehen, oder aber ein ausgeglichenes Garn ergeben. Hier kommt es auf das Material an und wie man das Garn badet.

Wenn ich mein Garn ein bisschen mehr zwirne als es ausgeglichen wäre, kann sich der Drall beim Baden im ganzen Garn verteilen. Wenn ich also an ein paar Stellen weniger Drall eingegeben hätte, dann gleicht sich das aus. Ihr merkt schon, das Zwirnen ist eine Wissenschaft für sich. Aber verzweifelt nicht, im Laufe eurer „spinnerten Karriere“ entwickelt ihr ein Gefühl für das Garn, das ihr herstellen möchtet und wie viel Drall ihr dafür braucht.

Wie funktioniert das Entspannungsbad?

Eimer mit warmem Wasser und einer Flasche Fibre Rinse

Nichts einfacher als das: Ihr nehmt warmes Wasser aus eurem Wasserhahn, es soll nicht kochen, aber auch nicht laukalt sein, und gebt es in eine große Schüssel oder nutzt euer Waschbecken als Schüssel. Ich persönlich gebe noch ein bisschen Wollpflege mit rein, also kein Wollwaschmittel, sondern das Fiber Rinse von Unicorn Fibre (ohne hier jetzt Werbung zu machen), es pflegt das Garn und hinterlässt einen angenehmen Geruch. Das muss aber nicht sein, warmes Wasser alleine reicht auch vollkommen aus!

frisch gesponnenes Garn in Eimer voller warmem Wasser

Im Anschluss gebt ihr euer gehaspeltes Garn (ich hoffe, ihr habt das Garn ordentlich abgebunden) in das Wasser. Meist lasse ich es sich von alleine vollsaugen und bewege es nicht. Wenn ich reine Seide habe, stupse ich sie noch ein bisschen unter Wasser, dass sie sich vollsaugen kann, denn von alleine geht sie nicht immer unter.

Schaut bitte, dass ihr das Garn nicht groß bewegt, je nach Faser kann es in diesem Schritt gut filzen. Wenn ihr das nicht absichtlich wollt (siehe baden von Singles), dann nicht bewegen.

Anschließend vergesst das Garn, am besten über Nacht, im Bad und holt es wieder raus, wenn das Wasser komplett auf Raumtemperatur abgekühlt ist.

gesponnenes Garn in einem Eimer mit lauwarmem Wasser und einer Hand

Zum Schluss wringt es aus, schleudert es in einer Schleuder oder wickelt es in ein Handtuch, das ihr auswringt und hängt es auf. Ihr könnt den Strang auch an um eure Hände legen und diese dann schnell auseinander ziehen, das Garn schnallen lassen. Das wieder holt ihr an verschiedenen Stellen des Strangs. Sinn davon ist, dass sich der Drall noch einmal besser verteilen kann.

Bitte beschwert euer Garn nicht zum Trocknen. Auch nicht, wenn es total überdreht ist. Durch das Beschweren verhindert ihr nicht, dass sich das Garn überdreht, sondern versteckt den Überdrall nur. Wenn ihr ein überdrehtes Garn verstrickt, dann kann es sein, dass das Strickstück sich nach dem Waschen komplett in sich verdreht und unförmig wird! Wenn ihr diesen Effekt nicht absichtlich wollt (Weber arbeiten gerne mal mit diesen sogegannten „energized singles“, also überdrehten Single-Garnen), dann nehmt den überschüssigen Drall wieder aus dem Garn, indem ihr es noch einmal entgegen der Zwirnrichtung durch das Rad laufen lasst und noch einmal badet!

Entspannungsbad für Singles

Bei Single-Garnen funktioniert das Entspannungsbad etwas anders. Single-Garne werden mit so viel Drall gesponnen, dass die Fasern zwar zusammenhalten, aber kein bzw. kaum Überdrall entsteht. Um ein Single-Garn stabiler zu machen, kann man es beim Baden anfilzen.
Hier nimmt man sich zwei Schüsseln, eine mit heißem Wasser und eine mit eiskaltem Wasser. Im Wechsel gibt man das Garn in die eine und dann direkt in die andere Schüssel und bewegt es jeweils darin. Wenn die Fasern so nicht genug filzen, kann man das Garn zwischendurch noch ein bisschen gegen die Badewanne oä schlagen.

Das warme Wasser sorgt dafür, dass sich die Schuppen der Wollfasern öffnen, durch die Bewegung können diese nun ineinander greifen. Im kalten Bad, schließen sich die Schuppen und ihr habt die Fasern zusammengefilzt. Ihr müsst nur achtgeben, dass ihr nicht das komplette Garn zusammen filzt. Ihr wollt es ja noch verarbeiten können. Also schaut immer, dass ihr die einzelnen Fäden eures Strangs auseinander bekommt.

Was kann denn beim Entspannungsbad alles schief gehen?

Auch wenn das Entspannungsbad keine komplizierte Sache ist, können doch ein paar unvorhergesehene Sachen passieren.

  • Mein Garn ist nach dem Bad viel lascher gezwirnt als davor: Im fertigen Zwirn war zu wenig Drall. Hier sollte man das Garn noch einmal in Zwirnrichtung durch das Rad laufen lassen und Nachzwirnen. Danach sollte es noch einmal gebadet werden.
  • Mein Garn hat nach dem Bad Überdrall: Der gebadete Strang sollte noch einmal entgegen der Zwirnrichtung durch das Rad gegeben werden, um etwas Drall aus dem Garn zu nehmen. Danach sollte es noch einmal gebadet werden.
  • Das fertige Garn blutet im Bad aus: Hier kann es mehrere Möglichkeiten geben.
    – Beim Färben wurde zu viel Farbe genutzt, die nun beim Baden austritt. Hier kann man Farbauffangtücher mit ins Bad geben. Wenn man allerdings auf Nummer sicher gehen will, dass sich nicht der komplette Strang umfärbt, sollte man diesen unter fließendem Wasser ausspülen bis keine Farbe mehr austritt.
    – Die Farben wurden nicht richtig fixiert, der Strang wird im Bad blasser. Hier kann man bei Färbungen mit Säurefarben einfach nachfixieren. Man gibt den Strang noch einmal in einen Topf mit Essig oder Zitronensäure und erhitzt ihn sachte, sodass der Inhalt leicht simmert, aber nicht kocht! Es sollte danach keine Farbe mehr im Wasser sichtbar sein. Und nehmt dazu bitte keinen Topf, in dem ihr noch einmal Essen zubereiten wollt! Alternativ könnt ihr den betreffenden Strang auch in Essigwasser baden, in Folie schlagen und kurz in der Mikrowolle erhitzen. Vorsicht ist hier geboten, da sich in der Mikrowelle die Hitze nicht gleichmäßig verteilt, sondern Wärmenester entstehen und der Strang bei Bewegung filzen könnte. Also lasst das Päckchen erst komplett auskühlen.
  • Das fertige Garn ist gefilzt: Habt ihr das Garn im Bad bewegt? Ein bisschen unter Wasser stupsen schadet dem Garn in der Regel nicht, aber stärkere Bewegungen im Wasser sorgen dafür, dass das Garn filzt. Dieser Vorgang ist nicht umkehrbar!

Jetzt habe ich euch einen Überblick über das Entspannungsbad gegeben. Natürlich gibt es auch hier so viele Varianten wie Spinner. Jeder hat selbst eine Methode, wie er mit seinen Strängen nach dem Spinnen umgeht. Ich wollte euch nur einen kleinen Überblick über das Thema geben.